(2004-05-28) Zwei Vorkommnisse der Stufe INES 1 im Kernkraftwerk Leibstadt

Die Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK) hat zwei Vorkommnisse im Kernkraftwerk Leibstadt mit der Stufe 1 auf der international gebräuchlichen Bewertungsskala INES (Stufen 0 bis 7) registriert. Die beiden Vorkommnisse ereigneten sich Ende Mai 2004 beim Wiederanfahren des Reaktors infolge von Fehlern des Betriebspersonals. Es kam dabei weder zu Kontaminationen von Personen noch zu Schäden an der Anlage. Die Abgabe von Radioaktivität an die Umwelt betrug wenige Prozent der behördlich festgelegten Kurzzeitabgabelimite.

Der Reaktor des Kernkraftwerks Leibstadt (KKL) wurde am 28. Mai 2004 abgestellt, um im inneren Teil des Containments, im Bereich des sogenannten Drywells, eine Reparatur an einem Ventil vornehmen zu können. Anschliessend erfolgte in der Nacht auf den 29. Mai das Wiederanfahren der Anlage. Bei diesem mehrstündigen Prozedere ereigneten sich zwei Vorkommnisse: das Nichteinhalten eines in der Betriebsvorschrift festgelegten maximal zulässigen Temperaturanstiegs des Reaktorkühlmittels und das Offenlassen von Drywell-Isolationsklappen. Nach Auswertung der Vorkommnisse durch die HSK und das Werk registrierte die HSK beide Vorkommnisse auf der Stufe 1 der international gebräuchlichen Bewertungsskala (International Nuclear Event Scale; INES). Stufe 1 ist die zweitunterste Stufe der INES-Skala und bedeutet gemäss INES-Manual „Anomalie“. Eine Anomalie ist definiert als ein „Zustand ausserhalb der vorgeschriebenen Betriebsbedingungen“.

Verletzung des Aufheizgradienten beim Anfahren

Im Verlauf des Wiederanfahrens des Reaktors am 28. Mai erhöhte sich bei einer Leistung von rund vier Prozent die Temperatur im Reaktor und Primärkreislauf über die zulässige Bandbreite hinaus. Während rund einer Stunde bestand ein Zustand mit einer zu raschen Aufwärmung des Reaktorkühlmittels oder in andern Worten ausgedrückt: der in der technischen Spezifikation festgelegte Aufheizgradient wurde überschritten. Zudem ist in einem solchen Fall eine Sicherheitsbewertung vor dem weiteren Hochfahren durchzuführen. Aufgrund der Verletzung des zulässigen Aufheizgradienten und der nicht rechtzeitigen Sicherheitsbewertung vor dem weiteren Hochfahren, wurde das Vorkommnis schliesslich als INES1 bewertet.

Fehlerhafte Drywell-Isolation beim Anfahren der Anlage

Der Drywell musste am 28. Mai beim Abstellen des Reaktors mit Luft gut gespült werden, damit die radiologischen und atmosphärischen Bedingungen für die Begehung durch das Personal zwecks Ausführung der vorgesehenen Reparatur erfüllt sind. Dieser Spülbetrieb-Modus wurde irrtümlich auch beim anschliessenden Wiederanfahren beibehalten. Damit wurde aber die in der technischen Spezifikation vorgeschriebene Anfahrbedingung verletzt. Diese verlangt nämlich fürs Anfahren der Anlage geschlossene Isolationsklappen. Die Ursache liegt in einer Verwechslung beim Abarbeiten der Anfahr-Checkliste. Zudem wurde beim Anfahren mit den irrtümlich offenen Isolationsklappen eine gegenüber dem Normalbetrieb erhöhte Abgabe von Jod und Edelgasen registriert. Bei dieser Abgabe wurden aber keine Grenzwerte für Aktivitätsabgaben überschritten. Die Werte für Jod lagen bei rund zwei Prozent der sogenannten Kurzzeitabgabelimite. Eine Gefahr für die Umgebung und für das Personal bestand zu keiner Zeit. Die Bewertung dieses Vorkommnisses führte zu einem INES 1.

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